Kapitel 1: An Tagen wie diesen

“Ich will euch nie wieder sehen! Lasst mich in Ruhe, für immer!“, sagte er.

Er konnte sich schneller verändern, als eine Webseite zum Laden braucht. Wie ein Chamäleon seine Farben wechselt. Als wäre er ein anderer Mensch. Gleich würde er weg sein. Diesmal hatte Jana sogar Glück und wusste Bescheid. Sonst war es immer so, dass er einfach verschwand – Telefon aus, kein Wort, kein Lebenszeichen.

Tagelang, wochenlang, monatelang.

Nicht zum ersten Mal fragte sich Jana, wie sie hier gelandet war. Ein One Night Stand, ein gerissenes Kondom, ein Kind, eine Beziehung, die keine war.

“Gut, dass die Kleine noch schläft,“ dachte sie erleichtert.

Jana und Nick hätten unterschiedlicher nicht sein können. Das Einzige, was sie vereinte, war ihre Tochter Marlene.

Sie wusste, wie sehr er Marlene liebte. Nur sie sah die innigen Stunden, die die beiden gemeinsam verbrachten. Er konnte so anders sein. Wenn er gut drauf war. Aber eine Liebe, die allen gut tat, würde niemals funktionieren.

Marlene brauchte eine Mutter, die sie beschützte. Sie war noch so klein. Deswegen musste Nick jetzt gehen.

Er war sowieso schon auf dem Sprung. Wie immer leicht den Kopf einziehend, wandte er sich ab und schlurfte davon.

„Scheiß auf ihn! Und scheiß auf Freunde bleiben!“, dachte Jana.

Sie dachte immer in Musik.

Sie ließ einen kurzen Moment die Verzweiflung zu. Dann fuhr sie sich durch die blonden Haare und steckte ein paar Spangen fest, obwohl es gar nichts zu richten gab.

“Idiot!“ dachte sie insbrünstig. “Es könnte alles gut sein. Wieso bist du nicht einfach ein ganz normaler Mann?

Solche Momente gab es ständig. Es brachte nichts, auf ihn einzureden, sich zu wehren oder mit ihm zu streiten. Wenn Nick so drauf war, nahm er nichts mehr wahr.

Er hatte das erste Mal einen solchen Ausraster, als Marlene noch in ihrem Bauch war. Seitdem tat sie alles dafür, dass Marlene nichts mitbekam. Janas Emotionen fuhren Achterbahn, wenn Nick seine „Phasen“ hatte.

Jana hatte keine Angst vor ihm. Sie wusste, dass er keiner Fliege etwas zuleide tun würde.

„Mit steigendem Alter wird es schwierig werden, das vor Marlene zu verbergen. Was soll ich nur tun?“, überlegte sie. Es machte sie fertig. Vor allem, weil sie wusste, wie Nick sonst war.

Die Liebe meinte es nicht gut mit ihr.

Jeder riet ihr, ihm den Kontakt zu seiner Tochter zu verbieten. Doch das lehnte sie entschieden ab.

„Nick hat niemanden. Seine Familie ist so weit weg. Ich lasse ihn nicht im Stich. Er ist ein wunderbarer Mensch.“, dachte sie. “Marlene leidet, wenn sie ihren Vater nicht kennen lernen kann. Ich weiß ja selbst am besten, wie das ist!“

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